Was, wenn Judas begraben wurde?
In meinem Ordner mit Zeichnungen zu Passion und Ostern findet sich eine, die den erhängten Judas zeigt. Heute am Ostermontag fand ich sie wieder und dachte: Was war eigentlich damals um diese Zeit mit Judas? Hing er immer noch im Baum? Oder hatte ihn jemand gefunden und begraben?
Wer hat sich um diesen Toten gekümmert? Wer hat entschieden, was mit ihm geschieht? Oder gehört er zu jenen Toten, die nur bis zu dem Punkt wichtig sind, an dem ihr Tod eine Aussage stützt?
Was wird mit einem Menschen, nachdem seine Geschichte bis dahin erzählt wurde, bis wohin sie nützlich scheint?
Tote zu bestatten war ein Schlüsselmoment menschlicher Evolution, der mehr als 100.000, eventuell 300.000 Jahre zurückliegt und symbolisches Denken ebenso markiert wie das Vorhandensein komplexer sozialer Strukturen. Vor allem sagt Bestattung von Toten etwas über die Lebenden aus. Wo die Erde ganzjährig gefroren war, wurden Tote auf Anhöhen gebracht, auf die Lebende normalerweise nicht gingen, und dort Wind, Wetter, der Natur überlassen. Anthropologisch entscheidend: Der Tote gehörte in jedem Fall zum Begräbnisritual dazu.
Darum scheint die Gegenform aufschlussreich: Tote hängen lassen. Leichname zur Schau stellen. Köpfe auf Pfähle setzen. Tote nicht bestatten, sondern zur Demonstration von Macht verwenden. Da wird nicht einfach nur ein Körper nicht versorgt. Sondern da werden Botschaften in den Körper eines Menschen hineingeschrieben: Dieser Mensch soll über seinen Tod hinaus nützlich sein, soll warnen, andere einschüchtern. Soll nicht mehr Mensch sein, sondern Zeichen. Symbol für Interessen anderer.
Judas verrät, bereut, stirbt. Das wird berichtet. Seine Bestattung nicht. Als hätte sie nicht stattgefunden. Ende.
Doch sicher wurde er gefunden. Von wem? Wusste der- oder diejenige, wer er war? Wusste man, was geschehen war? Wusste man, warum er sich das Leben genommen hatte? Oder eben: Wusste man es nicht?
Natürlich kann man auf all das antworten: Wir wissen es nicht. Was ja stimmt. Man kann auch hinzufügen: Matthäus und Apostelgeschichte erzählen Unterschiedliches. Man kann also bei den Quellen bleiben und jede weitere Überlegung ablehnen, auch anmerken, wer denn bitte „man“ sein soll. Doch unschuldig sind diese vermeintliche Nüchternheit und gebildete Abwehr nicht. Führen sie doch dazu, offene Fragen rund um Menschlichkeit überflüssig erscheinen zu lassen. Was sie allein historisch nicht sind, nicht sein können. Denn Judas war Jude. Die Bestattungsriten der damaligen Zeit sind gut erforscht. Sie unterschieden sich deutlich von denen der Römer und Griechen. Wichtig war zum Beispiel, einen Leichnam, wenn irgend möglich, noch vor Sonnenuntergang zu bestatten.
Der erhängte Judas wäre irgendwann gefunden worden. Noch vor Beginn des Sabbats? Am Tag von Jesu Auferstehung? Am Emmaus-Tag oder noch später?
Auf jeden Fall wäre der Leichnam abgenommen und bestattet worden. Vermutlich nicht mit voller ritueller Sorgfalt, da Judas sich selbst getötet hatte. Aber auf jeden Fall nicht gar nicht.
Von denen, die mit Jesus gekreuzigt worden waren, erfährt man wie bei Judas nichts weiter. Sicherlich ließ man sie, da römischer Machtbereich, einfach hängen. Eben weil ihr toter Körper abschreckend wirken sollte. Herrschende Ordnung aufrechterhaltend unter den Lebenden durch den Anblick der Toten. Jüdische Bestattungspflicht bewusst missachtend. Tote Menschen als Symbol der Macht der einen über die anderen. Judas gerät in der Erzählung, die mit seinem Tod endet, in genau diese Funktion: verfügbares Warnzeichen.
Wie also könnte Judas‘ Geschichte dazu beitragen, etwas sinnvoll, heilsam zu verändern? Oder soll sein Schicksal weiter der Festigung von Machtasymmetrien dienen, Grenzziehung erleichtern, Fingerzeigobjekt bleiben?
Vor einigen Jahren fragte mich jemand wegen meines Judas-Liedes, ob ich etwa denken würde, Judas sei im Himmel. Er müsse doch in der Hölle sein. Eine erwachsene Person sagte das so selbstverständlich, als sei das entschieden. Was es mit menschlichem Maß nicht ist. Sondern diese Zuschreibung ordnet lediglich, statt sich mit der Geschichte eines Menschen zu beschäftigen.
Die Frage „Was geschah eigentlich mit Judas?“ ist für mich darum verbunden mit dem offenen Grab an Ostern. Denn was bedeutet eine Heilsgeschichte, die den Weg des einen bis in den Himmel hinein und darüber hinaus erzählt und den anderen am Baum, auf dem Feld, im Schweigen enden lässt? Soll sie freiem, friedlichem Miteinander zwischen Menschen dienen, fehlt ihr vor dem Horizont, den Jesus durch seinen Umgang mit Ausgeschlossenen und Schuldigen eröffnete, ein Kapitel. Allerdings weder als banale Lehre noch als fromme Verzierung. Sondern als logischer Gedanke und damit Bild, der Weigerung folgend, Judas unbegraben zu lassen, nur weil die Erzählung ihn so besser gebrauchen kann.
Vielleicht hat Jesus Judas gefunden. Vor Sonnenuntergang am Tag seiner Auferstehung. Abends, als es kühle war. Hat Menschen dazugeholt oder bereits bei sich gehabt, zum Beispiel die Frauen, die die Salben mit sich trugen, und hat dafür gesorgt, dass Judas gemäß der üblichen Rituale bestattet wurde. Im Barmherzigkeitsgarten.
Mit Judas wäre zumindest das damals unauffällig möglich gewesen. Mit den beiden neben Jesus Gekreuzigten nicht.
Zum Thema:
Streck-Plath, U. (2010). Sieben neue Passionslieder für die ganze Gemeinde: Mit Sätzen von Manfred Schlenker und Ingo Bredenbach. München: Strube Verlag. https://www.strube.de/produkt/sieben-neue-passionslieder/
Streck-Plath, U. (2011). Als ich war / einer von euch. Installation aus Finkhofwolle, Brennnesselgarn und Glimmersteinen zur Rolle des Judas. https://ulrikestreckplath.de/judas/
Streck, H. (2021). In Jesus leben, in Jesus sterben. Judas-Kantate für Sopran, Tenor, zwei Violinen, Cello und Orgel. https://www.youtube.com/watch?v=UxA1qMzhMWU

